
Unser Körper ist ein erstaunliches Wunderwerk. Er reguliert unsere Atmung, hält das Herz am Schlagen, verarbeitet Nahrung, bekämpft Krankheitserreger und passt sich fortlaufend an unsere Umwelt an. Die meisten dieser Vorgänge geschehen, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Gleichzeitig sendet er uns unzählige Informationen über unseren Zustand. Wir spüren Hunger, Müdigkeit, Anspannung, Schmerzen, Wärme, Kälte oder das angenehme Gefühl körperlicher Entspannung. Doch was bedeuten diese Signale? Und wie gut sind wir darin, sie zu verstehen?
Genau diesen Fragen widmet sich der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse in seinem Buch „Die Stimme unseres Körpers“. Er beschäftigt sich mit den biologischen Grundlagen unserer Körperwahrnehmung und erklärt, warum es für unsere Gesundheit wichtig ist, die Signale unseres Organismus besser kennenzulernen. Dabei geht es um weit mehr als Bewegung, Fitness oder die Vermeidung von Krankheiten. Es geht um unsere Beziehung zu uns selbst und um die Fähigkeit, körperliche Bedürfnisse, Belastungen und Veränderungen bewusst wahrzunehmen.
Für mich ist das ein besonders wertvoller Ansatz. Denn wir können noch so viele Gesundheitsratgeber lesen, Trainingspläne befolgen oder Ernährungsempfehlungen ausprobieren: Wenn wir keinen Zugang zu unserem eigenen Körpergefühl entwickeln, fehlt uns eine wichtige Grundlage, um herauszufinden, was uns persönlich guttut.
Warum wir die Signale unseres Körpers so häufig überhören
Unser Alltag verlangt uns viel Aufmerksamkeit ab. Wir reagieren auf Nachrichten, erledigen Aufgaben, halten Termine ein und beschäftigen uns mit den Erwartungen anderer Menschen. Dabei orientieren wir uns überwiegend an äußeren Reizen. Was im eigenen Körper geschieht, rückt leicht in den Hintergrund.
Oft bemerken wir körperliche Belastungen erst, wenn sie unangenehm werden. Der verspannte Nacken fällt uns auf, wenn er schmerzt. Die Erschöpfung nehmen wir ernst, wenn die Konzentration nachlässt. Und dass wir den ganzen Tag angespannt waren, merken wir manchmal erst abends, wenn wir zur Ruhe kommen möchten.
Dabei verfügt unser Organismus über ein ausgeklügeltes System der Selbstregulation. Er verarbeitet ständig Informationen aus dem Körperinneren und aus unserer Umgebung. Das Nervensystem, das Hormonsystem und zahlreiche weitere Regelkreise arbeiten zusammen, um lebenswichtige Funktionen aufrechtzuerhalten.
Froböses Buch macht deutlich, wie wichtig es ist, diese Zusammenhänge zu verstehen. Denn körperliche Signale sind nicht bloß lästige Unterbrechungen unseres Alltags. Sie können wertvolle Hinweise darauf geben, wie es uns geht und welche Bedürfnisse gerade Aufmerksamkeit verdienen.
Allerdings müssen wir sie auch richtig einordnen. Nicht jedes Unwohlsein deutet auf eine Erkrankung hin, und nicht jede Erkrankung macht sich frühzeitig bemerkbar. Körperwahrnehmung ersetzt deshalb keine medizinische Diagnostik. Sie kann uns aber dabei unterstützen, Veränderungen bewusster wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.
Körperwahrnehmung ist eine Fähigkeit, die wir entwickeln können
Eine wichtige Grundlage unseres Körpergefühls ist die sogenannte Interozeption. Damit bezeichnet die Wissenschaft die Wahrnehmung innerer körperlicher Zustände. Dazu gehören beispielsweise Hunger, Durst, Herzschlag, Atmung und verschiedene Empfindungen aus unseren Organen.
Hinzu kommt die Propriozeption. Sie ermöglicht es uns, die Stellung und Bewegung unserer Körperteile wahrzunehmen, auch wenn wir nicht hinschauen. Ohne diese Fähigkeit könnten wir uns kaum sicher bewegen oder unsere Bewegungen gezielt koordinieren.
Beide Wahrnehmungssysteme arbeiten eng mit unserem Gehirn zusammen. Dort werden körperliche Informationen verarbeitet und mit Erfahrungen, Erwartungen und emotionalen Zuständen verknüpft.
Das erklärt, warum Körperwahrnehmung weit mehr ist als das bloße Registrieren einzelner Empfindungen. Wir müssen die Informationen auch interpretieren. Ein beschleunigter Herzschlag kann beispielsweise bei körperlicher Anstrengung, Aufregung, Angst oder Freude auftreten. Entscheidend ist deshalb nicht allein, was wir spüren, sondern auch, in welchem Zusammenhang wir es erleben.
Die gute Nachricht: Wir können üben, körperliche Empfindungen bewusster und differenzierter wahrzunehmen. Das geschieht beispielsweise durch achtsame Bewegung, gezielte Aufmerksamkeitsübungen und die bewusste Beobachtung unserer Atmung.
Gerade dieser Gedanke macht das Thema für mich so interessant. Wir sind den Reaktionen unseres Körpers nicht einfach hilflos ausgeliefert. Wir können lernen, sie besser zu verstehen und mit ihnen umzugehen.
Besonders aufschlussreich: Wie Schmerzen wirklich entstehen
Ein Abschnitt des Buches hat mir besonders gut gefallen: Froböses Erklärungen über Schmerzen und die körperlichen Vorgänge, die dabei eine Rolle spielen. Hier zeigt sich, wie hilfreich fundiertes physiologisches Wissen sein kann, um eigene Erfahrungen besser einzuordnen.
Viele Menschen stellen sich Schmerz als eine Art direkte Meldung aus einer verletzten Körperregion vor. Etwas ist beschädigt, die Nerven melden es dem Gehirn, und wir empfinden Schmerz. Tatsächlich ist dieser Vorgang wesentlich komplexer.
Spezialisierte Nervenendigungen registrieren potenziell schädigende Reize, etwa starke Hitze, mechanische Belastungen oder bestimmte chemische Veränderungen im Gewebe. Diese sogenannte Nozizeption liefert dem Nervensystem Informationen über mögliche Gefahren.
Doch Nozizeption und Schmerz sind nicht dasselbe. Schmerz entsteht erst durch die Verarbeitung und Bewertung verschiedener Informationen im Nervensystem. Dabei spielen unter anderem die körperliche Situation, frühere Erfahrungen, Aufmerksamkeit, Erwartungen und emotionale Zustände eine Rolle.
Deshalb kann das Ausmaß eines Schmerzes von der Schwere einer Gewebeschädigung abweichen. Manchmal sind Schmerzen sehr stark, obwohl keine entsprechend ausgeprägte Verletzung feststellbar ist. Umgekehrt können Menschen selbst bei ernsthaften Verletzungen zunächst erstaunlich wenig Schmerz empfinden.
Das bedeutet keineswegs, dass Schmerzen eingebildet wären. Sie sind eine reale Erfahrung, auch wenn ihre Entstehung nicht immer auf eine einzelne körperliche Ursache zurückgeführt werden kann.
Gerade diese differenzierte Betrachtung finde ich wichtig. Sie hilft, Schmerzen ernst zu nehmen, ohne sie vorschnell zu interpretieren. Und sie zeigt, warum ein besseres Verständnis unseres Nervensystems auch für den Umgang mit länger anhaltenden Beschwerden hilfreich sein kann.
Unser Nervensystem verbindet Körper und Gefühle
Körperliche Empfindungen entstehen nicht unabhängig von unserer psychischen Verfassung. Wer unter Stress steht, bemerkt möglicherweise eine angespannte Muskulatur, einen schnelleren Herzschlag oder eine veränderte Atmung. Sorgen und Ängste können bestimmte körperliche Reaktionen verstärken. Umgekehrt beeinflussen Schmerzen, Schlafmangel und Erschöpfung häufig unsere Stimmung.
Diese Wechselwirkungen sind keine Einbildung, sondern Ausdruck der engen Verbindung zwischen Gehirn, Nervensystem und körperlichen Regulationsprozessen.
Unser autonomes Nervensystem spielt dabei eine wichtige Rolle. Es beteiligt sich an der Steuerung zahlreicher Körperfunktionen und hilft dem Organismus, auf unterschiedliche Anforderungen zu reagieren. In belastenden Situationen werden bestimmte Aktivierungsprozesse verstärkt. In ruhigeren Phasen können Erholung und Regeneration mehr Raum bekommen.
Allerdings funktioniert dieses System nicht wie ein einfacher Schalter, den wir nach Belieben umlegen können. Seine Regulation ist komplex und wird von vielen Faktoren beeinflusst.
Trotzdem können wir bestimmte Bedingungen schaffen, die unsere Selbstregulation unterstützen. Dazu gehören ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung, soziale Sicherheit, Erholungszeiten und ein bewusster Umgang mit Belastungen.
Und dazu gehört für mich ganz wesentlich die Atmung.
Warum bewusstes Atmen unsere Körperwahrnehmung stärkt
Hier sehe ich eine besonders interessante Verbindung zwischen Froböses Buch und meiner eigenen Arbeit als Atemtrainer.
In meinen Atemtrainings geht es nicht in erster Linie darum, Menschen eine bestimmte Technik beizubringen, die sie anschließend möglichst perfekt ausführen sollen. Viel wichtiger ist mir, sie für die Wahrnehmung ihres eigenen Körpers zu sensibilisieren.
Wie atme ich eigentlich? Wo spüre ich meine Atembewegung? Was geschieht im Brustkorb, im Bauch oder im Rücken? Wie verändert sich meine Atmung, wenn ich angespannt bin? Und wie fühlt es sich an, wenn ich zur Ruhe komme?
Schon diese einfachen Fragen können unsere Aufmerksamkeit verändern. Wir richten sie nicht mehr ausschließlich nach außen, sondern beschäftigen uns bewusst mit den Vorgängen in unserem Körper.
Die Atmung eignet sich dafür besonders gut. Sie funktioniert überwiegend automatisch, lässt sich aber zugleich willentlich beeinflussen. Damit bildet sie eine interessante Verbindung zwischen unbewussten körperlichen Abläufen und bewusster Selbstregulation.
In meinen Atemtrainings möchte ich Menschen dazu befähigen, ihre eigenen körperlichen Reaktionen kennenzulernen und ein besseres Gefühl für ihre Bedürfnisse zu entwickeln. Nicht ich soll dauerhaft bestimmen, welche Atemweise für jemanden richtig ist. Vielmehr soll jeder Mensch zunehmend selbst wahrnehmen können, was ihm in einer bestimmten Situation hilft.
Das kann eine ruhigere Atmung sein, eine Veränderung der Körperhaltung, eine Pause, Bewegung oder einfach die bewusste Wahrnehmung dessen, was gerade geschieht.
Entscheidend ist die regelmäßige Übung. Wer sich immer wieder bewusst mit seiner Atmung beschäftigt, kann seine Aufmerksamkeit für körperliche Empfindungen schulen. Mit der Zeit fällt es möglicherweise leichter, Anspannung früher zu bemerken, Unterschiede zwischen verschiedenen Körperzuständen wahrzunehmen und geeignete Möglichkeiten zur Selbstregulation zu finden.
Das ist kein Automatismus und keine Garantie für gesundheitliche Verbesserungen. Aber es ist eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt und die uns im Alltag wertvolle Unterstützung bieten kann.
Gesundheit braucht Wissen und eigene Erfahrung
Ein wichtiger Gedanke zieht sich für mich durch die Beschäftigung mit Körperwahrnehmung: Wissenschaftliches Wissen und persönliche Erfahrung sollten sich ergänzen.
Wir brauchen medizinische Forschung, Physiologie und fundierte Gesundheitsinformationen, um zu verstehen, wie unser Organismus funktioniert. Gleichzeitig kann uns kein Buch und kein Experte vollständig sagen, wie sich eine bestimmte Belastung, Bewegung oder Entspannungsmethode in unserem eigenen Körper anfühlt.
Diese Erfahrung müssen wir selbst machen.
Dabei geht es nicht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse durch subjektives Empfinden zu ersetzen. Im Gegenteil: Je besser wir die körperlichen Zusammenhänge verstehen, desto differenzierter können wir unsere Wahrnehmungen einordnen.
Und je aufmerksamer wir unsere körperlichen Reaktionen beobachten, desto eher erkennen wir möglicherweise, welche Gewohnheiten uns guttun und welche uns auf Dauer belasten.
Ich halte diese Verbindung für eine wesentliche Grundlage gesundheitlicher Selbstfürsorge. Gesundheit entsteht nicht allein durch das Befolgen allgemeiner Empfehlungen. Sie verlangt auch, dass wir unsere Lebensumstände, unsere Bedürfnisse und unsere individuellen Möglichkeiten berücksichtigen.
Warum dieses Buch eine Bereicherung ist
„Die Stimme unseres Körpers“ beschäftigt sich mit einer Fähigkeit, die in unserer von Informationen und Leistungsanforderungen geprägten Gesellschaft leicht zu kurz kommt: der bewussten Wahrnehmung unserer selbst.
Ingo Froböse vermittelt physiologische Zusammenhänge, die uns helfen können, körperliche Reaktionen besser zu verstehen. Besonders seine Ausführungen über Schmerzen haben mir gefallen, weil sie deutlich machen, wie komplex unser Organismus arbeitet und wie eng körperliche Empfindungen mit den Vorgängen in unserem Nervensystem verbunden sind.
Das Buch regt dazu an, den eigenen Körper nicht nur dann zu beachten, wenn Beschwerden auftreten. Vielmehr können wir lernen, ihm auch im gewöhnlichen Alltag mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Für Menschen, die sich mit Gesundheit, Bewegung, Stressbewältigung und persönlicher Entwicklung beschäftigen, ist das ein wertvoller Ansatz. Auch wer bereits Atemübungen, Entspannungsverfahren oder achtsame Bewegung praktiziert, kann von einem besseren Verständnis der körperlichen Grundlagen profitieren.
Mir gefällt vor allem die Perspektive, die sich daraus ergibt: Unser Körper ist nicht einfach ein Instrument, das möglichst lange funktionieren soll. Er ist ein wesentlicher Teil unseres Erlebens, unserer Gefühle und unserer Persönlichkeit.
Wer seine Signale besser wahrnimmt, entwickelt möglicherweise auch einen achtsameren Umgang mit sich selbst. Und wer versteht, wie diese Signale entstehen, kann sie besser einordnen, statt ihnen ausgeliefert zu sein.
Die Stimme unseres Körpers verdient Aufmerksamkeit. Nicht erst, wenn sie laut wird, sondern gerade auch dann, wenn sie leise zu uns spricht.

Die Stimme unseres Körpers – Wie wir sie besser wahrnehmen und verstehen, um unsere Gesundheit zu schützen
von Prof. Dr. Ingo Froböse
288 Seiten, Ullstein extra 2026
ISBN: 978-3-86493-357-8
Klappenbroschur für: 21,99 Euro
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