Inhaltsverzeichnis
- Vier Säulen für ein leistungsfähiges Leben
- Zwischen SMART-Formel und bewusstem Loslassen
- Gesundheit nicht dem Erfolg opfern
- Die problematische Seite von High Performance
- High Performance und die Grenzen des Planeten
- Was sagt „Gesunde High Performance®“ über Atmung und Breathwork?
- Viel Praxis, gelegentlich zu einfache Erklärungen
- Ein kluger Werkzeugkasten – wenn Du nicht jedes Werkzeug benutzen willst
- Gesunde High Performance®Untertitel: Mehr Erfolg, mehr Energie, mehr Zeit – mit Strategien aus Medizin, Neurowissenschaft, Sport und Wirtschaft
„Mehr Erfolg, mehr Energie, mehr Zeit“ verspricht Nina Psenicka im Untertitel ihres Buches „Gesunde High Performance®“. Schon diese drei Wünsche lassen aufhorchen. Wer hätte nicht gern mehr Kraft, beruflichen Erfolg und zusätzlich ein paar freie Stunden?
Die Ärztin, Unternehmerin und Gründerin der Gesunde High Performance® Akademie richtet sich besonders an Menschen, die viel Verantwortung tragen. Das können Führungskräfte und Selbstständige sein, aber auch Ärztinnen, Therapeuten und andere Menschen, deren Entscheidungen unter Zeitdruck weitreichende Folgen haben.
Psenicka kennt diese Welt aus eigener Erfahrung. Ihr Buch ist deshalb kein distanzierter medizinischer Ratgeber. Es verbindet persönliche Erlebnisse, Erkenntnisse aus der Arbeit mit Klientinnen und Klienten, sportliche Trainingsprinzipien und zahlreiche Übungen zur Selbstreflexion.
Dabei geht es nicht darum, kurzzeitig noch mehr aus sich herauszupressen. Die Autorin möchte Leistungsfähigkeit stabilisieren, Gesundheit erhalten und Überforderung möglichst verhindern. Das ist die sympathische und notwendige Seite ihres Konzepts.

Vier Säulen für ein leistungsfähiges Leben
Das Buch ist mit mehr als 400 Seiten umfangreich. Es ruht auf vier großen Säulen.
Klarheit und Richtung
Am Anfang stehen persönliche Ziele, Werte, Motivation und die Frage, wie ein Mensch leben möchte. Vision Boards, Journaling und konkrete Fragen sollen dabei helfen, Wünsche aus dem Nebel zu holen.
Psenicka schreibt verständlich, direkt und ermutigend. Viele Übungen lassen sich ohne Vorbereitung ausprobieren. Besonders gelungen ist ihre Aufforderung, nicht nur über berufliche Ziele nachzudenken. Beziehungen, Gesundheit, Freizeit, Körper, Sinn und persönliche Entwicklung gehören ebenfalls in die Lebensplanung.
Energie und Gesundheit
Der gesundheitliche Teil behandelt Bewegung, Ausdauer- und Intervalltraining, Ernährung, Schlaf, Regeneration, Stress, das vegetative Nervensystem und Burnout. Hier zeigt sich die medizinische und sportliche Ausrichtung des Buches besonders deutlich.
Gesundheit erscheint nicht bloß als Abwesenheit von Krankheit. Sie wird als Voraussetzung für Konzentration, Entscheidungsfähigkeit, Beweglichkeit und Lebensfreude verstanden. Dieser Ansatz ist sinnvoll: Ein erschöpfter Körper lässt sich nicht dauerhaft durch Disziplin überlisten.
Effektivität und Umsetzung
Im dritten Teil geht es um Planung, Prioritäten, Routinen, Zeitmanagement und konzentriertes Arbeiten. Bekannte Methoden wie die Eisenhower-Matrix, die Pomodoro-Technik, das Pareto-Prinzip oder die Not-to-do-Liste werden in einen größeren Lebenszusammenhang gestellt.
Das Buch ist damit auch ein gut gefüllter Werkzeugkasten. Das hat allerdings seinen Preis: Die Zahl der Konzepte ist gewaltig. Wer versucht, alles gleichzeitig umzusetzen, verwandelt Gesundheitsvorsorge schnell in ein weiteres Optimierungsprojekt.
Stabilität und Lebensfreude
Der letzte Teil führt Selbstregulation, Selbstwirksamkeit, Kommunikation, Beziehungen, Gelassenheit, Lebensfreude und Regeneration zusammen. Das ist wichtig, denn ein Leben besteht nicht nur aus Zielerreichung. Menschen brauchen Verbundenheit, Pausen, Humor und Zeiten, in denen sie niemandem etwas beweisen müssen.
Zwischen SMART-Formel und bewusstem Loslassen
Zur Konkretisierung persönlicher Vorhaben empfiehlt Psenicka unter anderem die bekannte SMART-Formel. Ziele sollen demnach spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert sein. Das kann bei klar umrissenen Aufgaben hilfreich sein: Wer regelmäßig trainieren, ein Projekt abschließen oder eine Gewohnheit verändern möchte, gewinnt durch konkrete Vereinbarungen Orientierung.
Doch nicht alles Wertvolle im Leben lässt sich messen, planen und mit einem Enddatum versehen. Gesundheit entsteht nicht allein durch Zielerreichung. Auch Wohlbefinden, Kreativität, Beziehungen und innere Entwicklung folgen selten einem geraden Projektplan. Wer jeden Lebensbereich nach der SMART-Formel organisiert, kann selbst Erholung in eine weitere Aufgabe verwandeln, die möglichst effizient erledigt werden soll.
Gerade beim Atemtraining braucht es deshalb einen Gegenpol. In meiner MARK-Methode geht es nicht nur darum, die Atmung bewusst zu beeinflussen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, eine Absicht wieder loszulassen: nichts erreichen, nichts erzwingen und nichts verbessern zu müssen. Der Atem darf geschehen, ohne ständig beobachtet, gesteuert oder bewertet zu werden.
Dieser Gedanke berührt das taoistische Prinzip des Wu Wei: ein Handeln ohne verkrampftes Wollen und ohne unnötigen Widerstand. Gemeint ist keine Passivität. Vielmehr geht es darum, nicht jede Veränderung mit Druck herbeiführen zu wollen, sondern aufmerksam wahrzunehmen, was sich aus der Situation heraus entwickeln kann.
Auch kulturelle und philosophische Konzepte wie Ikigai erinnern daran, dass ein stimmiges Leben nicht allein aus messbarer Leistung besteht. Sinn kann aus Verbundenheit, alltäglichen Aufgaben, Freude, Fürsorge und dem Gefühl entstehen, am richtigen Platz zu sein. Vertrauen, Gelassenheit und Wohlwollen sind dabei keine Schwächen. Sie schützen davor, das eigene Leben wie ein Unternehmen führen zu müssen.
Die SMART-Formel kann helfen, ein Ziel zu erreichen. Sie beantwortet jedoch nicht die Frage, ob dieses Ziel wirklich gut für den Menschen ist. Und manchmal besteht der heilsamste Schritt gerade darin, für einen Moment kein Ziel zu verfolgen.
Gesundheit nicht dem Erfolg opfern
Psenicka wendet sich deutlich gegen Dauerüberforderung. Sie beschreibt Burnout nicht als kurze Erschöpfungsphase, die sich mit einem Urlaub beheben lässt. Auch Schlaf, Bewegung, Ernährung und Regeneration betrachtet sie nicht als luxuriöse Ergänzungen eines erfolgreichen Lebens, sondern als dessen körperliche Grundlage.
Das Buch kann Menschen helfen, die den Kontakt zu ihren Bedürfnissen im hektischen Alltag verloren haben. Seine Fragen führen immer wieder zurück zur eigenen Wahrnehmung:
Was ist mir wirklich wichtig? Wo fließt meine Zeit hin? Was gibt mir Energie? Welche Erwartungen gehören zu mir – und welche habe ich lediglich übernommen?
Darin liegt ein wertvoller Gedanke: Gesunde Leistung beginnt nicht mit Härte, sondern mit Klarheit.
Die problematische Seite von High Performance
Trotz des vorangestellten Wortes „gesund“ bleibt der Begriff High Performance schwierig. Er stammt aus einer Kultur des Messens, Steigerns und Vergleichens. Im Sport bezeichnet er eine zeitlich begrenzte Spitzenleistung. Im Berufsleben droht daraus jedoch ein Dauerzustand zu werden.
Ein Mensch kann bei einem Wettkampf alles geben und anschließend regenerieren. Im Arbeitsleben wartet nach dem Ziel häufig schon das nächste Projekt. Wer seine Leistungsfähigkeit ständig verbessern soll, läuft Gefahr, selbst Erholung nur noch als Mittel für die nächste Arbeitsphase zu betrachten.
Dann wird geschlafen, um produktiver zu sein. Es wird meditiert, um belastbarer zu werden. Sport dient nicht mehr der Freude an Bewegung, sondern dem beruflichen Funktionieren. Selbst der Atem kann zum Optimierungsinstrument verkommen.
An dieser Stelle hätte das Buch seinen Leistungsbegriff entschiedener hinterfragen dürfen. Denn Erschöpfung ist nicht immer die Folge falscher Gewohnheiten. Sie kann ebenso durch Personalmangel, prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Führung, permanente Erreichbarkeit oder unrealistische Anforderungen entstehen.
Selbstfürsorge darf nicht dazu führen, dass strukturelle Probleme privatisiert werden: Der Mensch soll sich besser regulieren, damit ein krank machendes System unverändert weiterlaufen kann.
High Performance und die Grenzen des Planeten
Der Begriff „High Performance“ steht nicht allein für persönliche Leistungsfähigkeit. Er gehört zu einer gesellschaftlichen Steigerungslogik: mehr produzieren, mehr konsumieren, schneller wachsen und effizienter arbeiten. Was im Sport eine zeitlich begrenzte Spitzenleistung beschreibt, ist in Wirtschaft und Arbeitswelt längst zu einem dauerhaften Anspruch geworden.
Diese Haltung erschöpft nicht nur Menschen. Sie trägt auch zur Klimakrise, zur Zerstörung von Lebensräumen und zum Artensterben bei. Wissenschaftlich lässt sich diese Entwicklung als „ökologische Überlastung“ oder „ökologischer Overshoot“ beschreiben: Die Menschheit verbraucht mehr Ressourcen, als die Erde innerhalb derselben Zeit erneuern kann. Nach dem wissenschaftlichen Modell der planetaren Grenzen sind inzwischen sechs von neun Belastungsgrenzen überschritten.
Persönliche Leistungsfähigkeit lässt sich deshalb nicht vollständig von gesellschaftlicher Verantwortung trennen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie kann ein Mensch mehr erreichen, ohne krank zu werden? Ebenso wichtig ist: Wofür setzt er seine Energie ein, wie viel ist genug und welche Folgen hat sein Erfolg für andere Menschen und die Umwelt?
Psenicka fordert ihre Leserinnen und Leser zwar dazu auf, die eigenen Werte, den Sinn des Handelns, Beziehungen und den persönlichen Beitrag zur Welt zu prüfen. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den ökologischen Folgen unserer Wachstums- und Leistungskultur gehört jedoch nicht zu den Schwerpunkten des Buches. Angesichts des programmatischen Begriffs „High Performance“ bleibt hier eine bemerkenswerte Lücke.
Ein Nein zu etwas, das nicht zu dir passt, ist ein Ja zu dir selbst!
S. 298 in „Gesunde High Performance®“
Was sagt „Gesunde High Performance®“ über Atmung und Breathwork?
Die Atmung kommt ausdrücklich vor. Im Gesundheitskapitel ist ihr ein eigener Abschnitt unter der Überschrift „Atmung – für deine ganzheitliche Gesundheit“ gewidmet. Im Stichwortverzeichnis verweist das Thema auf die Seiten 163 und 164. Zusätzlich behandelt das Buch Sympathikus und Parasympathikus, Stresskompetenz, Regeneration, Selbstregulation und Autogenes Training.
Damit erkennt Psenicka die Atmung als Teil eines gesunden Regulationssystems an. Breathwork bildet jedoch keinen tragenden Schwerpunkt des Buches. Schon der Umfang von etwa zwei Seiten zeigt: Atmen ist hier eines von zahlreichen Werkzeugen – neben Bewegung, Ernährung, Schlaf, Meditation, Kälte, Sauna und mentalen Techniken. Auch der Begriff „Breathwork“ erscheint weder im Inhalts- noch im Stichwortverzeichnis.
Das Buch ist deshalb vor allem als breit angelegter Gesundheitsratgeber interessant. Wer sich gezielt mit Atmung und Breathwork beschäftigen möchte, findet darin jedoch nur einen kurzen Einstieg. Für konkrete Atemübungen oder eine differenzierte Auseinandersetzung mit Atemmustern, Atemfrequenz, Kohlendioxid-Toleranz und körperorientierter Atemarbeit ist weiterführende Literatur erforderlich.
Das muss kein Mangel sein. Im Gegenteil: Es wäre problematisch, Breathwork als weiteres Versprechen grenzenloser Leistungssteigerung zu verkaufen. Atmung kann Menschen dabei unterstützen, ihren Zustand wahrzunehmen und ihr Nervensystem zu regulieren. Sie sollte aber nicht nur dazu dienen, noch länger gegen Müdigkeit, persönliche Grenzen oder ungesunde Arbeitsbedingungen anzukämpfen.
Atemtraining darf deshalb beides ermöglichen: bewusstes Regulieren und absichtsloses Atmen. Wir können den Atem nutzen, um uns zu sammeln, zu beruhigen oder zu kräftigen. Aber wir sollten ihn auch loslassen können. Sonst wird sogar der Atem noch zum Angestellten unserer Selbstoptimierung.
Viel Praxis, gelegentlich zu einfache Erklärungen
Psenicka schreibt lebendig und leicht zugänglich. Zahlreiche Fragen, Übungen und kurze Kapitel machen das Buch gut nutzbar. Man kann es von vorn lesen oder gezielt einzelne Themen aufschlagen.
Einige Aussagen wirken wissenschaftlich allerdings stärker zugespitzt, als es die Forschung erlaubt. Behauptungen über eine feste Zahl täglicher Gedanken, das angebliche Unvermögen des Unterbewusstseins, negative Formulierungen zu verarbeiten, oder die unmittelbare hormonelle Wirkung positiven Denkens sind populär, aber in dieser Eindeutigkeit kaum haltbar.
Auch das Neurolinguistische Programmieren nimmt im Buch relativ viel Raum ein. NLP kann interessante Gesprächs- und Reflexionsimpulse liefern, besitzt aber keine mit etablierten psychologischen oder medizinischen Verfahren vergleichbare wissenschaftliche Grundlage.
Leserinnen und Leser sollten deshalb zwischen medizinisch gut begründeten Empfehlungen – etwa zu Bewegung, Schlaf, Regeneration und chronischem Stress – und eher populärpsychologischen Modellen unterscheiden.
Ein kluger Werkzeugkasten – wenn Du nicht jedes Werkzeug benutzen willst
„Gesunde High Performance®“ ist ein motivierender und enorm umfangreicher Ratgeber für Menschen, die viel leisten und dabei gesund bleiben möchten. Seine große Stärke liegt in der Verbindung von Körper, Denken, Gewohnheiten, Beziehungen und Lebensgestaltung.
Das Buch eignet sich besonders für Menschen, die praktische Anregungen mögen und bereit sind, schriftlich über ihre Ziele, Werte und Routinen nachzudenken. Weniger geeignet ist es für Leserinnen und Leser, die eine streng wissenschaftliche Darstellung oder eine grundsätzliche Kritik unserer Leistungs- und Wachstumskultur erwarten.
Am besten liest man es nicht als Anleitung, die eigene Funktionsfähigkeit zu perfektionieren. Sinnvoller ist es als Einladung, bewusster mit der eigenen Kraft umzugehen. Dazu gehören Ziele und hilfreiche Strukturen – aber ebenso Vertrauen, Gelassenheit, Wohlwollen und die Fähigkeit, eine Absicht wieder loszulassen.
Zur Gesundheit gehört nicht nur, leistungsfähig zu bleiben. Zur Gesundheit gehört auch, eine Grenze zu spüren, ohne sie sofort überwinden zu wollen.
Und manchmal ist die menschlichste Form von High Performance ganz schlicht: nichts erreichen zu müssen.

Gesunde High Performance®
Untertitel: Mehr Erfolg, mehr Energie, mehr Zeit – mit Strategien aus Medizin, Neurowissenschaft, Sport und Wirtschaft
Autorin: Dr. Nina Psenicka
Verlag: Wiley-VCH
Erscheinungsjahr: 2026
Umfang: 432 Seiten
ISBN: 978-3-527-51262-1
Preis: 29,99 Euro
