„The Brain at Rest“ von Dr. Joseph Jebelli hat schon im Titel etwas Beruhigendes. Ein Gehirn in Ruhe. Endlich einmal kein höher, schneller, weiter. Keine fünf Schritte zu mehr Leistung. Keine zehn Gewohnheiten erfolgreicher Menschen.
Und dann kommt ausgerechnet ein Neurowissenschaftler und erklärt uns: Wenn wir nichts tun, tut unser Gehirn keineswegs nichts.
Im Mittelpunkt des Buches steht das sogenannte Default Mode Network, auf Deutsch häufig als Ruhezustandsnetzwerk bezeichnet. Dieses Netzwerk wird besonders dann interessant, wenn wir gerade keine konkrete Aufgabe bearbeiten, nicht konzentriert rechnen, schreiben oder organisieren und unsere Aufmerksamkeit nicht permanent nach außen richten.
Unsere Gedanken dürfen wandern. Erinnerungen tauchen auf. Vorstellungen entstehen. Erlebnisse werden miteinander verbunden. Manchmal findet sich plötzlich die Lösung eines Problems, über das wir vorher angestrengt nachgedacht haben.
Jebellis zentrale Botschaft lautet deshalb: Ruhe ist keine verlorene Zeit. Sie gehört zur Arbeit unseres Gehirns.
Arbeiten, erholen, spielen
Jebelli gliedert sein Buch in drei große Bereiche: Arbeiten, Erholen und Spielen.
Er schreibt über Überarbeitung und Schlaf, über umherschweifende Gedanken, Natur, bewusste Zeit allein, Bewegung, Spiel und das schlichte Nichtstun. Dabei attackiert er eine Vorstellung, die tief in unserer Kultur sitzt: dass ein Mensch umso erfolgreicher sei, je mehr Stunden er arbeitet und je effizienter er jede freie Minute nutzt.
Das Buch ist damit nicht nur ein Buch über Neurowissenschaft. Es ist auch ein Buch über unsere Vorstellung vom Leben.
Wann hast Du zuletzt irgendwo gesessen, ohne dabei Dein Smartphone herauszuholen?
Wann bist Du spazieren gegangen, ohne Podcast, Musik, Nachrichten oder Schrittzähler?
Wann hast Du einfach aus dem Fenster gesehen?
Schon diese Fragen zeigen, wie ungewöhnlich das Nichtstun geworden ist.
Jebelli nennt einige unserer vermeintlichen Pausen deshalb sinngemäß falsche Erholung. Wer nach acht Stunden Bildschirmarbeit auf dem Smartphone durch Nachrichten, Videos und soziale Netzwerke scrollt, hat zwar die Tätigkeit gewechselt. Das Gehirn bekommt aber weiterhin neue Reize, Informationen und Entscheidungen geliefert.
Ruhe ist etwas anderes.
Genau hier wird das Buch für Atemtraining spannend
Beim Lesen von Jebellis Gedanken musste ich immer wieder an Atemtraining und Atemmeditation denken.
Der Atem besitzt eine besondere Stellung. Ich kann ihn willentlich verändern – und ich kann ihn vollkommen sich selbst überlassen.
Ich kann langsamer atmen. Ich kann meinen Atem beobachten. Ich kann Atemräume wahrnehmen. Ich kann mich für einige Minuten ganz auf die Bewegung des Atems konzentrieren.
Und irgendwann kann ich auch damit aufhören.
Dieser letzte Punkt ist für mich entscheidend.
Atemtraining darf nicht zu einer weiteren Form der Selbstoptimierung werden: sechs Atemzüge pro Minute, perfekte Ausatmung, perfekte Körperhaltung, perfekte Meditation – und anschließend kontrollieren wir auf der Smartwatch, ob wir uns auch vorschriftsmäßig entspannt haben.
Dann haben wir aus der Ruhe schon wieder Arbeit gemacht.
Der Atem kann regulieren – Ruhe entsteht danach
Die Forschung zu langsamer, willentlich gesteuerter Atmung zeigt recht überzeugend, dass Atemübungen das autonome Nervensystem beeinflussen können. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse unter Beteiligung des Sportwissenschaftlers Sylvain Laborde fand unter anderem Effekte langsamer Atmung auf Parameter der vagal vermittelten Herzratenvariabilität.
Das ist für Atemtraining ausgesprochen interessant.
Aber es bedeutet nicht automatisch, dass eine Atemübung Jebellis Ruhezustandsnetzwerk „einschaltet“.
Im Gegenteil: Wer sich während einer Meditation sehr konzentriert auf seinen Atem richtet, benutzt Aufmerksamkeit. Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomografie zeigen, dass Teile des Default Mode Network während solcher Phasen fokussierter Atemaufmerksamkeit weniger aktiv sein können als während des freien Abschweifens der Gedanken.
Das klingt zunächst wie ein Widerspruch.
Für mich ist es keiner.
Vom Atemfokus zum Loslassen
Ich sehe Atemmeditation eher als einen Weg zwischen verschiedenen Zuständen.
Zunächst kann ich den Atem benutzen, um aus der äußeren Reizwelt herauszutreten. Ich spüre meinen Körper. Die Aufmerksamkeit bekommt einen einfachen Bezugspunkt. Das Gedankenkarussell muss nicht bekämpft werden, verliert aber vielleicht etwas von seiner Geschwindigkeit.
Dann kann aus dem bewussten Atmen ein Beobachten werden.
Und schließlich darf sogar das Beobachten weicher werden.
Gedanken dürfen kommen.
Gedanken dürfen verschwinden.
Ein Geräusch darf auftauchen. Eine Erinnerung. Ein Körpergefühl. Vielleicht auch gar nichts Bemerkenswertes.
Ich muss damit nichts machen.
Gerade Formen nichtdirektiver Meditation sind wissenschaftlich interessant, weil hier teilweise stärkere Aktivität in Bereichen des Default Mode Network beobachtet wurde als bei konzentrativen Meditationstechniken. Die Art der Meditation macht also einen Unterschied.
Das gefällt mir sehr.
Denn Meditation muss nicht bedeuten, die Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Sie kann auch bedeuten, ihnen für eine Weile keine Befehle mehr zu erteilen.
Nichtstun ist schwieriger geworden
Jebellis Buch trifft damit einen Nerv unserer Zeit.
Wir haben heute fantastische Möglichkeiten, uns permanent zu beschäftigen. Jede Warteschlange lässt sich mit dem Smartphone füllen. Im Bus beantworten wir Nachrichten. Beim Kochen läuft ein Podcast. Beim Sport zählen Apps unsere Leistung. Beim Einschlafen begleitet uns noch ein Video.
Sogar Erholung wird vermessen.
Und irgendwann wundern wir uns, dass der Kopf keine Ruhe mehr findet.
„The Brain at Rest“ erinnert daran, dass Gehirngesundheit nicht ausschließlich dadurch entsteht, was wir unserem Gehirn anbieten.
Vielleicht entsteht ein Teil davon durch das, was wir ihm gelegentlich nicht anbieten.
Keine Aufgabe.
Keine Nachricht.
Keine Unterhaltung.
Keine Verbesserung.
Eine kleine Breathmark-Praxis: Atmen und dann nichts tun
Aus Jebellis Buch würde ich deshalb keine neue komplizierte Atemtechnik ableiten.
Eher eine sehr einfache Praxis.
Setz Dich bequem hin.
Nimm Deinen Atem zunächst bewusst wahr. Wenn es Dir guttut, lass ihn für einige Minuten ruhig und gleichmäßig werden. Spüre, wie sich Brustkorb, Bauch oder Flanken bewegen.
Und dann hör auf, etwas verändern zu wollen.
Lass den Atem wieder selbst atmen.
Bleib noch einige Minuten sitzen.
Du musst Dich nicht auf den Atem konzentrieren. Du musst aber auch keinem Gedanken folgen. Lass Wahrnehmungen, Bilder und Gedanken auftauchen und wieder verschwinden.
Vielleicht ist genau dieser Übergang interessant: vom Ich atme bewusst zum Es atmet – und schließlich zum einfachen Dasein.
Was mir an „The Brain at Rest“ gefällt
Jebelli verbindet wissenschaftliche Forschung mit persönlichen Geschichten und sehr konkreten Anregungen. Das macht das Buch angenehm lesbar. Auch andere Besprechungen heben diese Mischung hervor. Spektrum der Wissenschaft lobt die wissenschaftliche Fundierung und die praktischen Hinweise; Publishers Weekly beschreibt das Buch als informativ und zugänglich. Bei Goodreads erreicht es derzeit rund 4 von 5 Sternen bei mehr als 2.000 Bewertungen.
Nicht alles daran ist revolutionär.
Dass Schlaf wichtig ist, Natur guttut, Pausen sinnvoll sind und permanenter Stress auf Dauer keine besonders kluge Lebensstrategie darstellt, dürfte niemanden überraschen.
Gelegentlich besteht bei populären neurowissenschaftlichen Büchern außerdem die Gefahr, aus komplizierten Zusammenhängen eine allzu einfache Geschichte zu machen: Hier das Arbeitsnetzwerk, dort das Ruhenetzwerk – Schalter umlegen, Problem gelöst.
So simpel ist ein Gehirn nicht.
Gerade die Forschung zur Meditation zeigt, dass unterschiedliche Formen der Aufmerksamkeit verschiedene Netzwerke beeinflussen und dass das Default Mode Network keineswegs einfach ein neurologischer Entspannungsschalter ist.
Für mich schmälert das den Wert des Buches jedoch nicht.
Im Gegenteil.
Vielleicht müssen wir nicht besser entspannen
Der stärkste Gedanke von „The Brain at Rest“ liegt für mich nicht in einer einzelnen neurowissenschaftlichen Studie.
Es ist die Rehabilitation des scheinbar Nutzlosen.
Spazieren ohne Ziel.
Aus dem Fenster schauen.
Allein sein.
Tagträumen.
Spielen.
Atmen.
Und irgendwann sogar vergessen, dass man gerade eine Atemübung macht.
Genau hier berührt sich Jebellis Buch für mich mit Atemarbeit.
Der Atem kann uns helfen, vom äußeren Tun wieder zum eigenen Körper zurückzukehren. Er kann ein Werkzeug der Selbstregulation sein. Aber irgendwann sollten wir auch dieses Werkzeug aus der Hand legen können.
Der Körper darf atmen, ohne dass wir ihn verbessern.
Das Gehirn darf denken, ohne dass wir ihm eine Aufgabe geben.
Und wir dürfen für einen Moment einfach da sein.
Vielleicht ist das eine der unterschätztesten Formen von Gesundheit.

the brain at rest – Wie wir durch Nichtstun unser Leben verbessern können
von Joseph Jebelli
Piper Verlag
Deutsche Ausgabe: 2025
Übersetzung: Britta Fietzke
320 Seiten
ISBN 978-3-492-07244-1